Ausgabe 358

WERTE MENSCHEN

Werte Kommiliton*innen neu und alt,

„im Sommer dieses Jahres hatte ich mal einen freien Abend und befand mich auf meiner elterlichen Couch. An diesem Abend lief im ZDF der Film „Wir sind die Neuen“. Eigentlich hatte ich nicht so wirklich Lust, im scheinbaren Rentner-TV zu vergammeln. Dennoch ertrug ich mein mehr oder minder selbstgewähltes Elend. Die Handlung des Filmes ist schnell zusammengefasst: Vier ältere Herrschaften in besten Rentenalter wollen es noch einmal wissen und lassen ihre alte Studierenden-WG wieder aufleben. Dabei treffen sie die Studierenden von heute wieder. Die Älteren trifft fast der Schlag: Junge Menschen mit Bandscheibenvorfällen und Angststörungen. Da wo zu ihren Zeiten noch wilde Partys, Affären und Kochexperimente die Regel waren, werden wir scheinbar nur von Leistungen an den Rand der Verzweiflung getrieben“, erzählt uns eine Kommilitonin vor einiger Zeit.

„Doch ist unsere Generation wirklich so? Ist Spießertum die Form der Rebellion, die unsere Generation gewählt hat?“ Die großen deutschen Zeitungen titeln immer mehr mit dem scheinbaren Konservativismus unserer Generation. „Geld ist wichtiger als Sinn“, schrieb die Welt am 18.04., am 19.10. wurde Robin Tech, Gründer von Atomleap, in der Huffington Post mit folgender Aussage zitiert: „Wenn ich mir die aktuellen Studien ansehe, was sich unsere Generation Y beruflich wünscht, dann kommt vor allem eine Antwort: Sicherheit, am besten in einem Beamtenjob. Wahnsinn!“ Scheint als ob unserer Generation Spitzdecke und Bausparvertrag wichtiger sind als die Fragen der Welt.
Doch das glauben wir nicht.
Lasst euch mit der Spitzendecke noch ein wenig Zeit.

Liebe KommilitonInnen.
Genießt die Zeit, die ihr an der Hochschule habt. Auch ihr werdet noch genug Zeit für Spießigkeit haben. Jetzt ist eure Aufgabe euch ein Standbein für eure Zukunft aufzubauen. Bitte nehmt diese Aufgabe ernst.
Doch seid ihr die Zukunft unseres Landes. Unsere Gesellschaft kann nur weiter in Zukunft existieren, wenn junge Menschen Dinge in Frage stellen und ihrer jugendlichen Unvernunft nachgeben.
Deshalb: Seid unvernünftig.

Wir wissen, dass ihr in den letzten Tagen viel über Studien und Prüfungsordnungen gehört habt. Vergesst diese mal einen Moment. Für jeden ist klar, jedes Semester 30 ECTS-Credits ablegen zu müssen, ist viel. Ihr habt noch eine weitere Aufgabe im Studium. Diese hat nichts mit ECTS-Credits und Modulkatalogen zu tun. Diese Aufgabe ist eine für Euch ganz persönlich.
Eine der wichtigsten Aufgaben – auch im Bachelorstudium – sollte sein, sich selbst kennenzulernen. Die Studienjahre sind also nicht nur Lernjahre für einen späteren Beruf, sondern auch Lehrjahre für den Menschen selbst. Im Idealfall lernt man sich selbst zu organisieren, mit Stress umzugehen, Wissen anzueignen und anzuwenden, im Team arbeiten und Menschen zu führen.
Diese Leistung wird im Rahmen eigentlich für das Studium irrelevanter Dinge erbracht. Die Leistung des Wachsens beginnt in viel zu langen Seminaren, endlos erscheinenden Arbeiten und schlecht geschlafenen Nächten wegen der Prüfung, die am nächsten Tag ansteht.
Sie beginnt erst an diesem Punkt, da man mit Angst, Stress, Frust und Druck umgehen und aushalten lernt. Sie geht weiter mit lustigen Abenden mit Freunden und Konflikten in der nicht genetisch verwandten Familie.
Ihr werdet Freunde finden, die euch den Rest des Lebens begleiten werden und Menschen, die euch viel bedeuten werden.
In unserer ersten Vorlesung an der EAH sagte ein Professor zu uns:
„Gucken Sie mal im Hörsaal rum. Vielleicht finden sie hier jemand ganz Besonderen, mit dem sie eine Familie gründen werden. So habe ich meine Frau kennen gelernt.“ Nur, liebe Kommiliton*innen, werdet ihr diese Erfahrungen nicht machen, wenn ihr euch stur an die Ordnungen haltet. Bitte bedenkt, dass Musterstudienplan nicht von Müssen kommt.
Aus diesem Grund bitten wir euch:

Seid mutig. Verliert eure Leidenschaft nicht für die Dinge, die euch wichtig sind.
Engagiert euch, vielleicht auch in studentischen Gremien. Denn nur so können wir weitere Fortschritte machen. Aber am meisten bitten wir euch:
Seid unvernünftig!

Dies ist eine abgewandelte Form der Rede des StuRas auf der Immatrikulationsfeier

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